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Ursula Krechel

Gesucht: Ein Schattendach für jede Traube

Although I have lived in Berlin for 25 years, I still feel close to the landscape in which I grew up. Yes, the longer I live here, the more so. The Moselle landscape is beautiful, others call it “lovely”, it has a Roman history. But the changes it is undergoing due to rising temperatures are abundantly clear. People are losing their traditional profession, vineyards are lying fallow, the climate change is altering the flavour oft the wine and the life into a commonplace taste. A once precious wine then tastes like a cheap wine from another region. The people on the Moselle have always been used to high water and take precautions. On the neighbouring river, which has never flooded, so much rain fell in the summer of 2022 that 185 people drowned in the floods of the river Ahr. The vineyards were also destroyed by the mud and wastewater. Livelihood is at stake. Nobody wants to leave the area, but hardly anyone wants to realise that the changes are unstoppable and the next disaster is threatening.

 

Obwohl ich seit 25 Jahren in Berlin lebe, fühle ich mich immer noch der Landschaft, in der ich aufgewachsen bin, verbunden. Ja, je länger, umso mehr. Die Landschaft an der Mosel ist schön, andere nennen sie „lieblich“, sie hat eine römische Geschichte, und die Veränderungen, denen sie durch das Ansteigen der Temperaturen ausgesetzt ist, sind überdeutlich. Menschen verlieren ihre traditionelle Arbeit, Weinberge liegen brach, die Klimaveränderungen verändern den Geschmack, der ein Allerweltsgeschmack. Ein ehemals kostbarer Wein schmeckt dann wie ein billiger aus einer anderen Region. Die Menschen an der Mosel sind schon immer Hochwasser gewohnt und tragen Vorsorge, obwohl viele Häuser viel zu nah am Fluss gebaut worden sind. Am Nachbarfluss, der nie Hochwasser hatte, ist im Sommer 2022 so viel Regen gefallen, dass 185 Menschen in den Fluten der Ahr ertrunken sind. Auch die Weinberge wurden durch den Schlamm und das Abwasser zerstört. Existenzen stehen auf dem Spiel. Niemand möchte die Gegend verlassen, aber kaum jemand will einsehen, dass die Veränderungen unaufhaltsam sind und die nächste Katastrohe droht.

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Wenn ganze Landstriche verdorren, wenn Flüsse austrocknen, wenn immer häufiger Orkane Dächer abdecken, dann ist meine Erzählung nur eine kleine Klage, eine Symptomklage im großen Chor der Klagen über den Klimawandel, die auch Anklagen sind. Seit Menschengedenken hat meine mütterliche Familie Wein angebaut, und dies hieß an der Mosel: Riesling. Er ist ein schlanker, eleganter Wein, üblicherweise mit wenig Alkohol, und alle Lieblichkeit, mit der man den Riesling zeitweise verzuckert hat, war eine Verfälschung, eine Verbeugung vor dem banalen Publikumsgeschmack. Der Riesling braucht ein sehr gemäßigtes Klima, er mag Nebel und Feuchtigkeit, dabei entsteht die geschätzte Edelfäule. Starkregen und Hagel vernichten die Trauben.

 

Weil der Wein an steilen Hängen wächst, nicht auf Feldern wie in anderen Weinbaugebieten, muss viel kleinteilige Arbeit mit der Hand erledigt werden; Maschinen sind kaum einsetzbar. Doch Riesling-Winzer an der Mosel zu sein, war und ist bei aller Mühsal der Arbeit auch ein Stolz, weil es ein einzigartiges Weinbaugebiet ist. Nicht nach dem Grundbesitz wurde das Vermögen gemessen, sondern nach der Zahl der Weinstöcke. Der Boden hat einen großen Anteil Schiefer, der in kühlen Wochen die Wärme speichert. Werden die Sommer aber immer trockener, erhitzt sich der Schieferboden übermäßig und die Trauben reifen viel zu schnell. Hat man früher möglichst viele Blätter entfernt, damit die Kraft in die Beeren schießt, beschneiden die Winzerinnen Weinstöcke jetzt so, dass das Laub ein Schattendach bildet. Als ich ein Kind war, betete man um die letzten Sonnenstrahlen im Oktober, die den Wein von Tag zu Tag besser werden ließen. Der Schiefer wirkt wie ein Brennspiegel. Im schlimmsten Fall ähneln Trauben schon am Stock getrockneten Korinthen, deshalb muss immer zeitiger geerntet werden. Mit der zunehmenden Hitze im Weinbaugebiet verändert sich der Geschmack des Weins: Er hat zu wenig Säure, schmeckt leicht seifig oder nach Kerosin, und der Alkoholgehalt ist wie bei Südweinen höher. Winzer sind besorgt, ob sie ihre Weinstöcke, darunter die gehüteten alten Reben, die eine Kostbarkeit darstellen, ausgraben sollen, um andere Rebsorten, die es überall in der Weinwelt gibt, anzubauen, — das wäre ein Verlust. Biodiversität ist ein großes Wort, aber das Artensterben hat viele Gesichter und Geschmäcker. Vielleicht werden wir in Deutschland eines Tages Palmen als Alleen bäume pflanzen, vielleicht wird die Kastanie im Berliner Hinterhof durch einen Weihnachtsbaum aus Plastik ersetzt werden, vielleicht wird das Trinkwasser so kostbar, dass wir Wein trinken müssen. Und Riesling wird vielleicht in Schweden angebaut. Es gibt eine ähnliche Entwicklung: Wo Reis angepflanzt worden ist, wird möglicherweise nur noch Hirse geerntet werden können. Wo Riesling wuchs, wird es dann nur noch hitzeresistenten Chardonnay geben. Was ist das Problem? fragt die die unschuldige Königin Marie Antoinette im goldenen Käfig und: Warum essen die Leute nicht Kuchen, wenn sie kein Brot haben? Die Frage ist ihr schlecht bekommen.